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Design: GYSIN [Konzept+Gestaltung]

Marlyse Brunner

geboren 1946 in Zürich, Schulen in Neuchâtel

lebt und arbeitet in Zürich

Ausbildung: Ecole supérieure d'art appliqué Vevey

Marlyse Brunner: Shabramant    

 

1991 durfte Marlyse Brunner für ein halbes Jahr das von der Schweizerischen Städtekonferenz betriebene Atelier in Shabramant bewohnen. Shabramant ist eine ausserhalb von Kairo liegende Oase, nur einen Sprung entfernt von den Pyramiden von Gizeh. «Ich reise stets ohne vorgefassten Plan und vertiefe mich vor Ort in die Kultur und ihre Besonderheiten», meint Marlyse Brunner zu ihrem Reiseverhalten.* So ist es naheliegend, dass sich die Künstlerin in Ägypten bald mit den geheimnisvollen Baudenkmälern, mit den Zeichen der arabischen Schrift, mit dem gleissenden Sonnenlicht oder dem legendären Ägyptisch-Blau befasste. Tatsächlich hat die Beschäftigung mit der fremden Tradition Spuren im Werk hinterlassen. Die Annäherung an die geheimnisvolle Kultur Altägyptens manifestiert sich zum Beispiel daran, dass die auf einigen grossen Blättern gezeichneten Dreiecksformen unerwartet zu pyramidenförmigen Konfigurationen mutieren oder in das homogen gemalte Schwarz eindringen und die kompakte Fläche aufbrechen. Parallel zu den ersten Grossformaten entsteht eine Fülle kleinformatiger Arbeiten, die ähnlich einem Tagebuch die neuartigen Eindrücke dokumentieren. Bei einigen dieser Arbeiten benützte sie erstmals Schablonen. So begegnen sich zum Beispiel Pyramiden- und Dreiecksformen auf rätselhafte Weise, greifen ineinander oder fügen sich zu einem trapezförmigen Pyramiden-grundriss. Bei einigen Arbeiten verdrängt ein in intensivem Blau gehaltenes Dreieck die schwarze Farbe. Manchmal bleibt inmitten einer kompakten schwarzen Fläche eine quadratische Zone als leerer Raum bestehen. Sind es Auseinandersetzungen mit den mysteriösen Grabkammern im Innern der Pyramiden? Geheimnisvoll wirkten auf die Künstlerin auch die arabischen Schriftzeichen, denen sie sich mit spielerisch ornamentalen Strukturen annäherte.

 

Als sie eine Handvoll Nägel an einem Marktstand eines traditionellen Kairoer Bazars einkaufte, wurden diese in eine Tüte verpackt, die aus einer Seite eines in arabischer Schrift verfassten Kataloges gefaltet war. Bei dem Katalog handelte es sich um eine wissenschaftliche Anleitung, wie bei der Vernichtung von Ungeziefer mit den verschiedenen Pestiziden, Schneckenpulver und Mäusefallen umzugehen sei. Der Katalog stammte aus der Zeit, in der noch nicht mit Fotos gearbeitet wurde, sondern in der die Anwendung und Wirkungsweise der Stoffe noch wortreich und mit ergänzenden schematischen Zeichnungen beschrieben wurden. Die gefährlichen Greifzähne und Stachel der Insekten zum Beispiel wurden bis ins kleinste Detail erläutert. Auch die Werkzeuge und Schutzkleidungen, die nötig waren für den gefahrlosen Einsatz der giftigen Substanzen, waren abgebildet. Marlyse Brunner kaufte die 90-seitige Broschüre und verwandelte sie in das Künstlerbuch mit dem Titel Poison. Es ist nicht das erste Künstlerbuch, das sie realisierte. 1982 hatte sie bereits sieben Bücher gestaltet. Nun greift sie das Thema erneut auf und überarbeitet die einzelnen Seiten der erworbenen Broschüre. So übermalt sie einige Seiten mit weisser, und andere, oft die gegenüberliegende Seite, mit schwarzer Farbe. Manchmal liess sie einzelne Partien unbehandelt, so als wollte sie ein Fenster offen lassen, durch das man einen Blick auf das ursprünglich Dargestellte werfen konnte. Es ist interessant zu beobachten, dass das Künstlerbuch mit seinen hell- und dunkelbemalten Seiten, mit seinen «Gucklöchern» und den spärlich sichtbar belassenen Schriftzeichen sogleich Assoziationen zu der rätselhaft verschlüsselten altägyptischen Kultur evoziert und einen Bezug zu den Pyramiden herstellt. Dort gibt es tief im dunklen Inneren einen verborgenen Raum, in dem Informationen zum Bauwerk aufbewahrt werden, die, wie die «Fenster» in Marlyse Brunners Künstlerbuch, dazu beitragen, einen Blick auf das Geheimnis der Vergangenheit zu werfen. Der Umgang mit Gegensätzen wie das Spiel mit Hell und Dunkel, mit Übermalung und Aussparung, mit Licht und Schatten oder Positiv und Negativ kommt nicht zum ersten Mal bei diesem Künstlerbuch zur Anwendung. Vielmehr gehört das Arbeiten mit Kontrasten zu den bevorzugten Strategien der Künstlerin.

 

In New York hatte sich die Künstlerin wiederholt mit der Frage, was denn ein Bild sei, beschäftigt. In Shabramant greift sie das Thema wieder auf, um vor der Andersartigkeit der Kultur das Thema neu zu überdenken. So spürte sie wie eine Archäologin den Spuren nach, was sich in der Tiefe des Bildes verbirgt, beziehungsweise was sich auf seiner «Rückseite» manifestiert. Sie fand eine neue Antwort: Im Verständnis der altägyptischen Kultur gehören Leben und Tod wie die zwei Seiten einer Medaille zusammen. Analog lässt sich auch Licht und Schatten, Hell und Dunkel, Schwarz und Weiss nicht allein als Gegensätze, sondern im Sinne eines Sowohl-als-Auch als zusammengehörend denken. Sichtbarmachen konnte sie dies, indem sie die eine Seite als Spiegelbild der anderen Seite darstellte. Dazu wählt Marlyse Brunner die Form des Diptychons. Sie bemalt die eine Hälfte eines Blattes Papier mit dem Ölstift. Um eine kompakte schwarze Fläche zu bekommen, legt sie mehrere Schichten übereinander, was auf der Fläche ein kantiges Relief ungerichteter linearer Strukturen hinterlässt. Indem sie anschliessend das Papier faltet, wird auf der leeren Blatthälfte der Abdruck, die vom Stift hinterlassenen Struktur – das Bild des Bildes – erkennbar.

 

Text: Kathrin Frauenfelder – Dr. phil., Kunsthistorikerin

* im Gespräch mit der Autorin, April 2019